Barfußschuhe – Laufen ist nicht schnelles Gehen

Vier verschiedene Laufschuhe von verschiedenen Herstellern

Von Links: Nike Free (2004), Adidas Trail-Schuh (ca. 2007), Asics Landreth 7 (2012), New Balance Minimus Trail (2013)

Im Laufe eines Läuferlebens kommen so einige Schuhe an die Füße, je nach Jahr (90ies Reebok PUMP vs. 70er Adidas Samba), nach Einsatzgebiet (Tartanbahn vs. Waldlauf) oder Markenbewusstsein (Nike vs. Saucony). Sportschuhe haben viel mit Ideologie und Mode zu tun; Nike setzte lange nur auf Luftpolster in der Sohle, Asics auf Gel – was besser war und ist, muss jeder selbst entscheiden. Und wo vor 10 Jahren die Dämpfungselemente nicht fett und bunt genug sein konnten, hat sich in den letzten Jahren ein Umdenken durchgesetzt. Nike drückte 2004 den ersten “Free” auf den Markt; ohne Luftblasensohle und komplizierte Nähte. Das Stichwort war “Barfußlauf” – oder natural running.

Der Nike-Free-Urahn von 2004 in rot und weiß

Der Nike-Free-Urahn von 2004 in rot und weiß

Nike Free und eine Ahnung

Tatsächlich hatte ich schon eines der ersten Free-Modelle – parallel zu meinen Stabilschuhen von Asics. Ich hatte die Nike zum Rumlatschen; nicht zum Training. Aber irgendwie schwante mir, dass die schweren Schuhe mit starker Sprengung (Höhenunterschied zwischen Zehen und Ferse)  nicht den natürlichsten Laufstil förderten. Gezwungenermaßen rollte ich damals – und auch noch vor drei Jahren -recht stark über die Ferse ab: Hackenlauf! Häufiger Muskelkater im Schienbein begleitete meine Trainingseinheiten.

Zwei Laufschuhe liegen Sohle an Sohle um deren Dicke vergleichen zu können

Vergleich von Laufschuhen und ihren Sohlen

Im Winter 2005 dann begann ich meine ersten Strecken auf dem Laufband zu machen – an den Füßen die zweite Generation Nike Free 5.0. Auf dem Band hatte ich einen viel leichteren Laufstil, keine Probleme mit dem Schienbein und keine Klötze an den Hacken.
Zeitsprung ins Jahr 2013 – wir überspringen sehr schmerzhafte Probleme mit der Ferse, ausgelöst durch verkürzte Wadenmuskulatur, was vermutlich zurückgeht auf die ständige, leicht nach vorne gekippte Haltung in den gesprengten Laufschuhen, besonders in den wasserdichten Adidas (s. Fotovergleich).

Abkehr von den Stoßdämpfern – das macht der Fuß selbst

Für diese Laufsaison 2013 hat die Sportindustrie einen ganzen Schwung Schuhe herausgebracht, die noch viel radikaler “barfuß” sind, als die Free, die mittlerweile genauso getragen werden von 45-jährigen Sportmuffelmuttis mit rosa Haarsträhne wie scheinbar sämtlichen Ghettokids. Barfußschuhe mit nur wenigen Millimeter dünnen Sohlen, einer Sprengung von null bis vier oder fünf Millimetern. Vor allem in schicken Farben und zu erschwinglichen Preisen. Zeit für mich den Schritt zu machen!

Der New Balance Minimus in der Trail Version

Der New Balance Minimus in der Trail Version

New Balance Minimus Trail 10 BY heißt er, sieht in seinem leuchtenden blau-gelb ganz schick aus und läuft sich wie dicke Socken. Ich habe bewusst für dieses Resümee einige Zeit verstreichen lassen, aber selbst nach vielen Läufen ist meine Begeisterung nicht versiegt. Ich trage den Minimus für Läufe im Wald, Park und im Gelände (am liebsten auf Isartrails) – für die Asphalt- und Betonwege dorthin fahre ich Fahrrad. Eine Stunde Laufen ist wegen des unebenen Bodens so anstrengend wie 1,5h auf der Straße und die Waden müssen sich ganz anders anstrengen, um das Gewicht, den Stoß abzufangen. Aber: Auf einmal macht das Springen auf Hindernisse Spaß, jeder Schritt ist bewusst gesetzt (dicke Steine tun halt weh, wenn man darauf tritt); kurz: Barfußschuhe bringen den Läufer zurück zur Natur. Seiner eigenen, natürlichen Bewegung, denn der Fuß setzt  mehr oder weniger unbewusst mittig oder vorne auf. Und zur kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dem Weg mit seinen natürlichen Unebenheiten, Steinen oder Wurzeln.

Was mich begeistert: 
- leichtes Laufgefühl, kaum Gewicht an den Füßen
- verbessertes “Boden-Gefühl”, sicherere Landung (auch beim Springen)
- unbewusste Verbesserung des Laufstils
- erhöhtes Tempo durch verbesserten Stil und die Motivation durch abwechslungsreiche Strecke

natural running-Buch von Dr. Marquardt zwischen Laufschuhen

natural running-Buch von Dr. Marquardt

Laufen ist nicht schnelles Gehen

Um dem ganzen Hochgefühl einen theoretischen Background zu geben, lese ich in den Laufpausen “natural running” von Dr. Matthias Marquardt, dem Verfasser der “Laufbibel”. Sehr zu empfehlen, mit praktischen Trainingstipps, Plänen, Übungen und dem physiologischen Wissen, warum “Laufen kein schnelles Gehen” ist. Allerdings warnt Marquardt auch davor, bei Problemen mit Knien, Gelenken etc. Barfußschuhe uneingeschränkt zu nutzen. Zum einen muss der neue Laufstil (v.a. von Fersenläufern) über Monate in zunächst kleinen Etappen erlernt werden. Zum anderen können sich vorhandene Fehlstellungen (Knickfuß etc.) auch verschlimmern. Genauso ist es: Zum Ende eines Laufes lässt die Konzentration bzw. Kraft nach und ich tendiere wieder dazu auf der Ferse zu landen. Deshalb laufe ich derzeit höchstens eine Stunde mit den Minimus – für die langen Läufe kommen immer noch meine Asics Landreth 7 zum Einsatz; schön gedämpft!