Kritische Masse – kritische Menschen

Criticalmass-Köln macht sich bereit zum Protest

Critical Mass-Köln macht sich bereit zum Protest

“Für euch gelten wohl keine Regeln?!” schreit eine aufgebrachte Autofahrerin dem Tross von mehr als 70 Radlern hinterher, der am Freitag um kurz nach 18 Uhr über den Hohenzollernring in Köln radelt. Nicht einzeln auf dem Radweg, sie alle fahren en bloc über die rechte Spur vom Ring und nehmen dabei eine beträchtliche Länge  der Straße ein. Zeitweilig erstreckt sich die spontane Radtour durch die Kölner Innenstadt auf fast 200 Meter. Das Beste aber ist: Sie kennen die Regeln – und genau darum dürfen sie als Gruppe auf der Straße fahren, rote Ampeln ignorieren, wenn ein Teil der Gruppe schon das “Lichtzeichen” bei grün passiert hat und Autos am Fahren hindern, weil der Tross lang ist und eben seine Zeit braucht, bis er eine Kreuzung geräumt hat. Genau dann ist das Ziel erreicht: Dem Motor-Verkehr zeigen, dass auch Radfahrer einen legitimen Platz auf der Straße haben. Die Grundlage bietet  §27 der StVO, nach dem eine Gruppe von mindestens 16 Radlern, die eine erkennbar zusammengehörige Gruppe bilden, einen geschlossenen Verband bilden können und die Straße befahren – eben eine kritische Masse.

Köln spurt, motzt und staunt vor allem

Bei der mehr als eine Stunde dauernden Rundfahrt, unter anderem über den Ring, den Eigelstein, Marzellenstraße, Alter Markt, Budengasse, Ehrenstraße, Aachener Straße … blieb es für meine Begriffe und meine Erfahrung mit Kölner Autofahrern erstaunlich ruhig. Einige hupten, wenige motzten laut aus dem Fenster des Wagens, aber die meisten schauten erstaunt zu, was sich da an ihnen vorbei wälzte. Viele allerdings, vor allem Fußgänger und Radler, freuten sich über unsere Aktion. Einige filmten sogar die Masse von verkehrspolitisch kritischen Menschen, die selbstverständlich nach außen eher wie eine übergroße Radtour aussah. Tatsächlich fragten auch einige interessiert WAS wir da machen?! Wir blockieren nicht, wir sind Verkehr! Ein kurzes Video aufgenommen auf dem Hansaring auf Facebook.

Und wer glaubt, dass sich bei so einer urban-hippen Flashmob-Demo nur Fixie-Rider und Styler einfinden, liegt falsch. Da fuhren genauso Trekking-, Stadt-, Klapp- und Mountainbikes mit, Jungs und Mädels, alte und junge. Das alles verabredet über die Facebookseite von Critical Mass Köln. Angeführt von einem älteren Herren mit Lichterkette um den Oberkörper, der sich aber der Kamera des Autors entzog.

Auch bei -3 Grad politisch

Gegen 19 Uhr dezimiert sich die Gruppe, immer wieder biegen Einzelne oder kleine Gruppen ab. Es ist kalt, der Wind frischt stark auf, aber deutlich zu spüren war der Zusammenhalt der Gruppe, wovon sich nur wenige wirklich untereinander kannten. Nicht nur die langsam steif werdenden Beine treiben sie an, sondern auch das Gefühl, zumindest für die Zeit der Rundfahrt ein kleines Stück des Verkehrsraums für sich zurückerobert zu haben. Autos weichen, Fußgänger bleiben stehen und zeitweilig wird es auf den viel befahrenen Straßen Kölns merklich ruhiger, weil nur noch ein paar Fahrradklingeln zu hören sind.

Das nächste Mal wieder am 22. Februar! 

Übrigens waren an diesem Freitag auch Critical Mass-Aktion in Freiburg, London und Miami unterwegs. Check out #criticalmass on Twitter!

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