Neue Rowdyradlerwege für’s Land?!

Der Radl-Traum: Der Radweg ist die die StraßeUnser Mindestverkehrsminister Ramsauer hatte einen tollen Einfall zum Ende der Radlsaison: Deutschland soll seine Radwege ausbauen und fördern. Und alle so YEAH. Aber wir wären nicht im Land der Verzichter und Kränker, wenn der Minister nicht auch den Finger erhoben hätte und die Radfahrer gleichwohl in ihre Schranken gewiesen hätte: Rowdyradler, Radlrambos und sonstige Dumm-Floskel-Betitelte sollten zukünftig härtere Strafen treffen. Jawoll, wie ein gestrenger Vater stellt Ramsauer etwas Gutes in Aussicht, „aber erst räumst du dein Zimmer auf“!

Neue und mehr Radwege sind dringend nötig in den meisten deutschen Städten. Für Köln und München kann ich das nur bestätigen, teils aus leidvoller Erfahrung mit rutschigen Metallkanten mitten im Radweg, plötzlich auftauchenden Bordsteinkanten oder schlicht katastrophaler Verkehrsführung, durch die ich mich ungewollt mitten auf dem Zubringer der Stadtautobahn befinde. Ich kann nicht sagen, dass Köln seine ohnehin schmalen Radweglein pflegt: Fahre mal über den Ring ohne beim Springen über Wurzelbuckel oder Slalom um Spontanbaustellen nicht in Konflikt mit den Gehenden zu kommen. In München gibt es schlicht zu wenige Radwege.

Aber vielleicht ist das auch die Lösung. Wenn ich als Radler schon auf der Straße fahre, werde ich auch besser wahrgenommen – störe aber die Mutti mit ihrem Audi Q5. Aber sei’s drum, das Konzept des „shared space“, also das gemeinsame Benutzen des Verkehrsraums durch Auto und Rad, wird schon in vielen europäischen Städten erfolgreich umgesetzt. Weniger Unfälle, glückliche Radler und zähneknirschende PKWler.

Falsch verstanden haben das Konzept übrigens alle diejenigen, die etwa auf Radwegen parken – auch mit eingeschaltetem Warnblinker! Klar, ihr seid wichtig und wollt auch nur „mal eben ‘was erledigen!“ ‘Türlich, habt ihr „geschäftlich“ bei der Bäckerei zu tun!! Sicha, ihr habt alle einen gehbehinderten Oppa in der Karre!!! Aber genau das macht Radfahrer aggressiv. Und wenn dann noch der dritte telefonierende Sack mir die Vorfahrt nimmt, weil ich mit dem Rad „ja eh nicht so schnell bin“, dann neige auch ich zu lautstarkem Protest und waghalsigen Überholmanövern mit dem Bike. Ich werde zu dem, was in Regierungspapieren als Rowdyradler veralliteriert wird. Ich denke, das geht nicht nur mir so, die Aggression vieler Biker ist somit eher eine Reaktion auf die Aktionen der Autos und letztlich auf das bedürftige Verkehrskonzept der Städte.

Die Frage lautet also: Verkraftet der heutige Verkehr überhaupt ein Mehr an Radfahrern? Sind die Straßen heutzutage überhaupt ausgelegt für einen Radleranteil jenseits der 10 Prozent? Wer schon mal in Münster über die Promenade (im Volksmund Leezen-Autobahn, also Radl-Highway, genannt) geradelt ist, wer am Sonntag die Isar entlang gefahren ist, der weiß, dass auch Radler keineswegs homogen sind und untereinander ebenso rivalisieren. Es bedarf also eines Konzeptes, das sowohl die Raumansprüche der Autos, wie der unterschiedlichen Radler genügt. Für mich kann das nur heißen: a) Tempo ‘runter in den Städten und b) breite Radwege auf den Fahrbahnen. Da ist genug Platz, die Straßendecke ist im Zweifel besser in Schuss als die ramponierten Gehwege und Autofahrer müssen mich letztlich als ernstzunehmenden Verkehrsteilnehmer akzeptieren.

Und wenn das Verkehrsministerium einmal richtige Stimuli setzen würde, sich beispielsweise an Irland orientiert, das Steueranreize für diejenigen gibt, die mit dem Rad zur Arbeit fahren, und nicht gleich wieder das lehrerhafte „Du, du, du!“ ertönen lässt, finden vielleicht wirklich mehr Menschen Gefallen daran, nicht im Stau zu stehen, nicht einen Parkplatz suchen zu müssen, nicht über Benzinpreise von über 1,75 € zu meckern, nicht das halbe Einkommen für die Karre zu verballern, sich nicht über den Arsch mit dem SUV / Smart aufregen zu müssen.

Eine deutsche Krankenversicherung hat das schon ausprobiert und belohnte Mitglieder, die 30 Tage im Jahr nachweislich zum Job radeln. Wenn schon die paar Tage lobenswert sind, wie groß muss dann das Potential sein an Menschen, die derzeit noch kein Rad fahren? Wie viele könnten easy umsteigen von vier auf zwei Reifen, um zumindest kurze Fahrten zu machen?

Ich fahre wahrscheinlich nicht mal 30 Tage im Jahr NICHT mit dem Rad zu Arbeit. Jeden Tag knapp 15 km, nachts um 3 Uhr, auch im Winter, mit zweifacher Rheinüberquerung. Aber ich liebe ja auch die Bewegung am Boden – in meinem Element Erde.

Zur Weiteren Lektüre beispielsweise:  Süddeutsche Zeitung.